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Katarzyna
Pollok
Reisebericht einer Sintizza
Auf der Suche nach der Domari-community in Alt-Jerusalem
Katarzyna Pollok machte sich in Israel und Palästina auf die Suche nach den Domari. Die Domari sind eine im Nahen Osten beheimatete Romagruppe. Ihre Reise führte sie durch eine von politischen und religiösen Auseinandersetzungen zerrissene Region. 18. 06. 2001
Altstadt von Jerusalem
Ich bin jetzt in Jerusalem, in einem Stadtteil, den man hier German Colony nennt. Ich weiß nicht, wieso er so heißt, ich habe es nicht herausgefunden. Aber in Tel Aviv und Haifa gibt es auch Stadtteile, die German Colony heißen. Sie gehören immer zu den angenehmsten Gegenden - sagen die Leute hier. Bis zur Altstadt muss ich 20 Minuten gehen, durch starken Autoverkehr, ständig von Lärm und praller Sonne begleitet. Ich merke, dass es eine jüdische Stadt ist. Plötzlich sehe ich die Mauer der Altstadt von Jerusalem. Keine Leute unterwegs, nur ein paar Bauarbeiter nicht so weit von einem altem Amphitheater. "Die Bauarbeiter sind Palästinenser", denke ich, als ich vorbeigehe. Sie gucken mich freundlich an. Vielleicht sind das Domari - denke ich ebenso. Die Domari leben in der Altstadt - das weiss ich und die würde ich so gern treffen, um zu wissen, wie sie hier leben in dieser Stadt mit so viel Spannung und Gewaltausbrüchen. Die Altstadtmauer kommt immer näher und jetzt muss ich auf einem sehr schmalen Weg hoch, der mich letztendlich zum Armenischen Viertel führt. Alte, weiße Wegsteine, die so glatt und so glänzend durch die Füße von Millionen von Pilgern sind, dass ich das Gefühl habe, auf einer Rutschbahn zu gehen. Fast keiner, nicht mal ein Tourist, kein Pilger, nur ein paar kleine Katzen spielen nah einer alten Kirche. Da ist auch niemand, nur die pralle Sonne und der Gekreuzigte - Jesus aus weißem Stein wie die Mauern, zwischen denen ich gehe. Ich suche nach dem Tor. Plötzlich geht da jemand. Schnell - so mein Eindruck - haut er ab vor der Hitze - oder vielleicht etwas anderem? Da kommt endlich das Tor und plötzlich bin ich drin - in der Altstadt von Jerusalem. Was erwartet mich da? Wo finde ich die Domari? Ich gehe in den armenischen christliche Stadtteil. Es hängt etwas in der Luft. Aber was? Da rennen plötzlich zwei süße kleine Mädchen. Die begrüßen mich und lächeln mich an. "Sie sehen sehr orientalisch aus, arabische Mädchen", denke ich. Die Mutter guckt mich freundlich an. "Sind das Christen?" frage ich mich selbst. Ich gehe weiter hinein in das Viertel und da kommen immer mehr jüdische Männer mit Kipas auf dem Kopf. Sie gucken mich überhaupt nicht freundlich an, es sind die Orthodoxen von hier. Ich bin ihnen zu exotisch und mit meinen Zöpfen zu orientalisch, denke ich. Es ist nicht so ein angenehmes Gefühl für mich. Da ist was Besonderes an der Altstadt von Jerusalem. In allen anderen Begegnungen mit jüdischen Leuten hier habe ich sehr viel Wärme und Offenheit erlebt. Die Leute in Israel gefallen mir sehr gut. Ich fühle mich hier wie zu Hause und das ist auch mein Land. Hier gibt's keine Nazis. Es ist ein Urlaub für mich. Urlaub vom von Rechten verseuchten Europa. Ich gehe weiter, verbissene Blicke kleiner jüdischer Jungen mit Kipas auf ihren Köpfen begleiten mich. Was haben sie für ein Problem mit mir, denke ich, und fühle mich ein bisschen unsicher. Vor 3 Tagen passierte mir dasselbe im arabischen Viertel von Akko. Es ist kein gutes Gefühl - wirklich, es passiert mir ständig. Die engen Strassen werden immer voller. Immer mehr Leute, Polizei, ständig hört man Alarmanlagen (das erlebt man in Israel fast überall und ununterbrochen). Die Unruhe ist sehr bedrückend. Aber die Leute versuchen normal zu leben, egal was passiert. Plötzlich kommt ein palästinensischer Mann auf mich zu - er ist sehr freundlich zu mir. Er will alles wissen. Woher ich komme usw. Dann sagt er mir, dass ich diesen Gang nehmen soll, sonst könne mir was passieren. Ich wundere mich sehr, drehe mich um und gehe doch zurück. Was ist los? Ich bin eine Sintizza. Was habe ich damit zu tun? Ich will zu den Domari! Wo sind sie? Ist es wirklich so gefährlich, hier zu laufen? Tatsächlich gibt's hier keine Touristen, keine Pilger. Richtig auffällig. Ich sehe die Dächer der Altstadt, die Kuppeln von Kirchen, Moscheen, Synagogen. Das ganze Jerusalem umkreist mich. Es ist zu heiß, hier zu stehen, ich gehe schnell runter, wieder in eine andere Richtung und ich fühle mich hier komisch. Ob ich einen Stein abbekomme? Die jüdisch-orthodoxen Leute sind hier nicht so freundlich, denke ich, ich mag keine Orthodoxen - egal, ob sie ChristInnen, Juden/Jüdinnen oder muslimischen Glaubens sind. Dann kommt eine Straße mit vielen Geschäften mit sehr vielen arabischen Männern, die wirklich sehr freundlich zu mir sind und versuchen, mir alles mögliche zu verkaufen. Ich habe keinen Bock mehr. Ich bin zu empfänglich für die Stimmungen hier. Ich will morgen noch mal hierher kommen und da finde ich dann meine Domari. Ich weiß, dass ich sie finde... 20. 06. 2001
Die Domari in Jerusalem
Es ist früh nachmittags. Die Sonne mit ihrem prallen Licht ist überall. Ich suche nach Schatten. Ich gehe Richtung Altstadt. Jeder Schritt ist eine Qual. Was erwartet mich heute in der Altstadt Jerusalems ? Ich habe eine Verabredung mit Victor. Er bringt mich heute zu einer Domari Familie. Victor ist ein Christ, ein Nicht-Zigeuner, der sich einsetzt für die Domari, versucht, ihnen zu helfen. Hier ist den Leuten nicht nur die ethnische Identität sondern auch die religiöse Zugehörigkeit sehr wichtig. Das drängt sich in den Vordergrund in dieser Stadt. Victor wartet geduldig vor der weißen, heißen Mauer, nah am palästinensischen Viertel. Wir gehen durch einen Markt. Alle, so scheint es, versuchen was zu verkaufen. Alte Sachen, welche vielleicht nie jemand kauft. Es ist viel Armut hier.
In der Ecke auf dem Boden sitzt eine ältere Frau. Sie ist vollkommen schwarz angezogen. Man sieht nur ihr Gesicht. Sonst ist alles zugedeckt. Sie bettelt. Wir gehen auf Sie zu. "Bist du Domari? ", fragen wir. Sie antwortet nicht, streckt nur ihre Hand aus, will Geld. Wir gehen weiter durch den Suq. Alle Gerüche vermischen sich. Das erinnert mich alles an Marokko. Aber es ist gleichzeitig alles so anders hier auf diesem kleinen Fleck. Eine andere Realität: Gleich neben dem Eingang zur Altstadt durchs Damaskus-Tor, im dichtesten Gedrängel, stehen israelische Polizisten mit Waffen. Ich habe mich schon daran gewöhnt. Polizei, Soldaten mit Waffen Überall in diesem Land. Kein einziger Tourist ist hier, kein einziger jüdischer Mensch kommt freiwillig hierher. Wir kommen in das palästinensische Viertel der Altstadt. Sehr viele Männer überall, ab und zu mal eine Frau. Sie glotzen mich an, aber sie denken, dass ich eine arabische Frau bin und sind zu mir freundlich. Ich weiß, dass ich alleine als Frau hier nicht laufen könnte. Weil die arabische Männergesellschaft einfach sehr sexistisch ist. Überall Geschäfte mit allem möglichem. Wieder eine Frau auf dem Boden mit verschiedenen Kräutern. Wieder ein Gang, wieder israelische Soldaten mit Waffen. Ich gucke hoch, weil mir auffällt, dass in einem Haus inmitten dieses Viertels eine israelische Fahne hängt und sehr demonstrativ auf der Fassade ist ein riesiger jüdischer Leuchter befestigt. Das ist doch ein palästinensisches Viertel, denke ich. "Das ist das Haus von Ariel Scharon," sagt mir Victor. Er hat das Haus gekauft, um die Leute hier zu ärgern - vor seinem Amtsantritt als Ministerpräsident. Aber er wohnt hier nicht und kommt auch nie hierher. Es wird immer leerer. Von allen Richtungen in der heißen Luft kommen die Aufrufe, in die Moscheen zu gehen. Es ist 17 Uhr, Zeit für die Gläubigen zu beten. Die Rufe werden immer lauter, kommen von allen Seiten. Plötzlich gehen wir links in einen kleinen Türbogen und da sind wir am Ziel unseres Weges zu den Domari.
Treffen mit einer Domari-Familie
Auf dem winzigen Hof vor der Eingangstür steht ein kleiner Junge.
Er spielt mit einer kleinen Schubkarre. Neben der Karre liegt eine
kleine Katze. Sie ist tot. Er schiebt sie vorsichtig mit einem Stock
auf die Spielzeugkarre und fährt sie weg. Das Kind ist Domari. Wir
klopfen an die Tür. Hinter dem vergitterten Fenster zeigt sich ein
Gesicht - eine ältere Frau. Sie hat rot gefärbte Haare, ihre Augen
gucken uns aufmerksam an. Dann macht sie die Tür auf und lädt uns
ein. Wir setzen uns auf ein bunt verkleidetes Sofa. Die ältere Frau
erinnert mich an andere Romni, die ich schon in Berlin getroffen
habe.
Sie sagt zu mir "You Gypsy!" Dann kommt der Familienvater. Er ist
sehr freundlich. Schaut mich an und sagt "You Gypsy!" Ich freue
mich sehr! Endlich meine Leute! Dann kommen die Töchter und die
Kinder! Und wir schauen uns an und ich spüre, dass wir etwas gemeinsames
haben. Der ältere Mann kann nicht genug Englisch, aber unabhängig
von der Domari-Sprache spricht er natürlich Arabisch und Iwrit.
Und wir fangen an, uns auszutauschen. Die Familie ist moslemisch.
An der Wand gegenüber hängen glitzernde Koranverse, geschmückt mit
bunten künstlichen Blumen vor Kinderfotos aus Korea. Es wird uns
Saft und Kaffee serviert. Der Alte heißt Mukhtar, er ist der "chief"
der Domari-Gemeinde in Jerusalem. Er spricht, zeigt uns alte Familienfotos,
alte Dokumente, spricht über die Domari-Sprache. Dann fragt er,
ob es umherziehende Roma in Europa gibt und ob alle Roma in Europa
christlich sind. Dann erzählen wir ihm über die bosnischen moslemischen
Roma und auch über die aus dem Kosovo und Albanien. Es ist so heiß
in dem Raum, in dem wir sitzen. Die alte Frau, seine Ehefrau, stellt
einen riesigen Ventilator vor uns und so sind wir erfrischt durch
den künstlichen Wind.
Ich erzähle ihm über die Geschichte meiner Familie. Dass wir so
wenige Übriggebliebene sind nach der Verfolgung durch die Nazis.
Er erzählt über seine Familie im Gaza-Streifen, die er nicht besuchen
kann und in Jordanien. Es ist so schwierig für die Familien hier
in Palästina und dort in Jordanien. Die Araber mögen die "Gypsies"
nicht. Und hier in Jerusalems Altstadt leben nur 5 Domari-Familien
mit den Palästinensern zusammen. Nur eine von 5 Töchtern ist verheiratet
- mit einem kurdischen Mann - und der kleine Junge, den ich am Eingang
gesehen habe, ist ihr Sohn. "Die Araber wollen die Domari-Frauen
nicht heiraten", sagte Victor später zu mir und das ist tatsächlich
ein großes Problem für diese und andere Familien.
Aber dann, am Ende unseres Gesprächs, kommt ein Satz vom alten Domari.
Er schaut mich an und sagt "Gibt es einen Ort auf der Erde für uns
Roma, Domari, Sinti, wo wir hingehen könnten? Ein Land für uns alle!?
Wo wir leben könnten, ohne dass uns jemand verfolgt, wo wir geschützt
leben könnten?" Ich sage ihm: "Vielleicht können wir irgendwann
nach Indien zurückgehen! Indira Gandhi hatte doch unser Volk anerkannt....
Vielleicht sollten wir dorthin gehen!" Er würde das machen!! Er
würde nach Indien gehen! Und ich weiß, dass ich auch gehen würde!
Wenn es diesen Platz für uns gäbe!
Und das ist das Wichtigste und das Schönste für mich, das an diesem
Nachmittag ausgedrückt wurde!
Ich kenne noch ein paar Roma, die das machen würden! Es ist sehr
idealistisch, ich weiß! Aber wieso sollten wir uns schlagen, vernichten,
verfolgen lassen, schon seit so vielen Jahren! Mukhtar ist mir nah
mit dem, was er gesagt hat!
Aber plötzlich wird er müde und wir verabschieden uns und verabreden
uns für ein nächstes Treffen. Wir gehen raus auf die Strasse, gehen
an der weißen Stadtmauer entlang, die so viel erlebt und ertragen
hat. Da stehen auf der Mauer Domari-Jungs und lassen selbst gebastelte
Drachen steigen. Die Mauer ist so hoch, das sie keine Chance zu
überleben haben, wenn sie auf der anderen Mauerseite herunterfallen,.
Aber um die Jungs kümmert sich hier niemand.
Einige Tage später gehen wir denselben Weg durch die Altstadt von Jerusalem, zu unserer Domari-Familie. Wieder zu viel Sonne. Wieder viel Verkehr auf der Gasse. Und die israelischen Soldaten auf dem Posten stehen immer an derselben Stelle. So gehen wir durch den Bazar und plötzlich kommt auf uns eine Gruppe jüdischer Leute mit bewaffneter Eskorte zu. Die Soldaten halten die Waffen schussbereit. Der Weg kommt mir jetzt länger vor. Noch ein Stück bis zum letzten Posten, dann kommt die griechisch-orthodoxe Kirche, wo immer derselbe schwarzgekleidete Priester steht. Noch ein Stückchen weiter: Eine schwarzgekleidete Frau geht langsam und einsam in dem schmalen Schattenstreifen. Sie guckt uns aufmerksam an und sagt in unsere Richtung: "Here only Muslim. It's closed". Aber wir gehen weiter vorbei und da sehe ich wieder die Jungs mit ihren selbstgebauten Drachen auf der Mauer. Und dann sind wir wieder bei unseren Gastgebern, der Domari-Familie. Mukhtar und seine Frau warten auf uns. Ich zeige ihnen Fotos von meinem Vater und Bruder. Er interessiert sich mehr für meinen Vater, sie will mehr über meine Mutter wissen. Aber das, was ich über meine Familie erzähle, über die Naziverfolgung, ist für diese Leute hier ein bisschen zu abstrakt. Es kommt mir zumindest so vor. Ich aber kann von diesem Thema einfach nicht loslassen... Mukhtar erzählt uns von seiner Arbeit als Übersetzer für die Jordanische Botschaft, über die Flucht nach Jordanien 1967 und die schnelle Rückkehr von dort nach Israel, und darüber, dass er besser in Israel lebt als in Jordanien oder in der Westbank. Ich habe schon gehört, dass die Domari in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten kein einfaches Leben haben. Und vor allem für die Domari in Gaza muss das Leben ziemlich schwierig sein. Mukhtars Verwandte leben in Gaza, aber er hat keine Informationen, wie es den Menschen da geht. Nach Gaza geht kein Mensch freiwillig, sagt mir Mukhtar, das gelte auch für die West Bank. Ich will von ihm wissen, ob er Domari-Familien in Ramallah (Gebiet unter Verwaltung der palästinensischen Autonomiebehörde) kennt: Er weiß nur, dass es welche gibt - nicht mehr. Ich habe nämlich vor am späten Nachmittag nach Ramallah zu gehen. Aber ich sollte da nur mit einem Palästinenser hineinfahren. Und ich habe so einen Menschen getroffen, sehr unerwartet an einem warmen Nachmittag vor der Jaffa-Gate in Jerusalem. Als er, Omar, mir angeboten hatte, mir Ramallah zu zeigen, habe mich entschieden, mitzufahren. Ich hoffte, dass ich dort Domari treffe... Als ich Mukhtar über dieses Vorhaben erzählte, schien er ein bißchen beunruhigt zu sein: Er machte sich Gedanken darüber, dass ich in Ramallah mit einer Jüdin verwechselt werden könnte. Von Mukhtars Frau bekomme ich palästinensische Kleider und Tücher geschenkt. Danach haben wir zusammen gegessen, und nachdem man keine Rufe mehr von den Moscheen hören konnte, gingen auch wir weg.
Ramallah
Unser Mietwagen ist ein israelischer Wagen. Wir überlegen, ob wir
mit einem israelischen Auto durch das palästinensische Gebiet fahren
können, ohne uns in Gefahr zu bringen. Der Ort Ramallah ist praktisch
direkt mit Jerusalem verbunden. Dass wir in Ramallah sind, merke
ich durch die israelischen Soldaten, die wir am Checkpoint von Ramallah
hinter uns lassen. Als wir durch die Posten fahren, hält uns niemand
an. Wir fahren die Straße neben dem Flüchtlingslager Kalendia mit
dem hohen Zaun entlang und da erinnere ich mich daran, dass hier
auch Domarifamilien leben.
Wir halten an, kaufen eine arabische Zeitung. Die legen wir an die
Windschutzscheibe im Auto. Dann hole ich die Tüte mit den palästinensischen
Kleidern heraus, die mir die Frau von Mukhtar geschenkt hat. Die
palästinensischen Autofahrer gucken uns ein bisschen irritiert an,
als sie an uns vorbeifahren. Wir haben am Auto hebräische Schriftzeichen
und ein israelisches Nummernschild. Wir parken und gehen zur einer
Konditorei gegenüber. Die Männer darin gucken uns ein bisschen unruhig
an. Aber als Omar für uns eine palästinensische Spezialität bestellt
und arabisch spricht, beruhigen sich die Männer. Wir sitzen so,
dass wir das Auto an der anderen Straßenseite sehen können.
Ich frage Omar, was er über Domari weiss und über Sinti und Roma.
Und dann merke ich, dass er ein Fall von Tausenden ist: er weiss
fast gar nichts über sie. Im Gespräch erinnert er sich an alles,
was er über Domari gehört hat, an die Begegnungen in der Kindheit,
an die Erzählungen der Eltern... Es stecken Vorurteile in dem, was
er über Domari sagt. Das klingt so ähnlich wie das, was ich über
die Sinti und Roma gehört habe. Der typische Vorwurf gegen die Domari
hier lautet: Die Domari arbeiten als jordanische Agenten oder als
israelische Spione.
Wir gehen raus, begleitet von skeptischen Blicken des Konditoreibesitzers.
Wir fahren zu der berühmten Stelle in Ramallah, die wir schon so
oft im Fernsehen gesehen haben. Dort wo die Jungs die Steine auf
die schwerbewaffneten israelischen Soldaten werfen. Aber jetzt ist
nichts los. Auf dem Posten stehen israelische Soldaten. Plötzlich
hören wir Schreie und arabische Stimmen, dann nach kurzer Pause
wieder Schreie. Alles aus Richtung der Posten. Dann plötzlich Schüsse.
Wieder Schüsse und wieder Ruhe.
Danach kann ich mich nicht befreien von den Bildern palästinensischer
Jungs, die Steine in Richtung bewaffneter israelischer Soldaten
werfen, die auf die Jungs schießen. Aber im Moment herrscht Waffenruhe.
Wir fahren nach "Ramallah Center". Das Zentrum ist sehr klein und
besteht aus einem kreisrunden Platz und vielen Geschäften und Cafés.
Alles steckt im Stau und alles macht wirklich einen aufgeregten
Eindruck. Überall überwiegend Männer. Spannung in der Luft. Die
Leute hier scheinen mit irgend etwas Nicht-Sichtbarem sehr beschäftigt
zu sein. Ich habe wieder das Bild von den gelynchten israelischen
Soldaten vor mir, hier in Ramallah.
Und ich fühle mich nicht gut in Ramallah.
Zum Glück gehen wir in ein Café, das mich an ein Café in Berlin-Kreuzberg
erinnert, wo ich wohne. Da sind wir die einzigen Gäste und können
uns unterhalten. Und wieder muss ich Omar darüber aufklären, wer
die Sinti und Roma sind, was Vorurteile gegenüber Domari sind. Er
spricht über Vorurteile gegenüber Palästinensern. Es wird spät und
wir müssen aufpassen, rechtzeitig Ramallah zu verlassen. Oft machen
die israelischen Posten alles plötzlich zu.
Wir gehen raus, dem Auto ist nichts passiert, keiner hat es beachtet.
Wir fahren zurück, vorbei an Arafats Residenz, an sehr großen Häusern,
alles macht nicht gerade einen verarmten Eindruck. Dann sind wir
wieder auf dem Niemandsweg, fahren - vorbei am Flüchtlingslager
- Richtung Jerusalem. Ich weiss, an diesem Abend treffe ich hier
keine Domari mehr.
Tel Aviv
Dann kommt der letzte Tag in Israel, in Tel Aviv. Ich sitze am
Strand. Die Stimmung ist ganz anders als vor fast vier Wochen, als
ich hier ankam, einen Tag nach dem Selbstmordattentat vor dem Delfinarium.
Ein junger Palästinenser hatte sich und 21 junge Israelis in den
Tod gerissen, zerrissen. Ich habe die Stelle gesehen, die Porträts
der ermordeten Jungs und Mädchen, die Kerzen, die weinenden Menschen.
So viel Wut und die Trauerstimmung... Und so viele Opfer auf beiden
Seiten. So viele tote Kinder auf beiden Seiten, alles so unsinnig...
Das denke ich die ganze Zeit. Der letzte Sonnenuntergang hier am
Strand. Heute sind sehr viele Leute hier. Sie machen den Eindruck,
dass sie alles wollen, aber nicht den Krieg.......
Katarzyna Pollok wurde 1961 in Kiew geboren und wuchs in Polen auf. Seit 1983 lebt und arbeitet sie in Berlin-Kreuzberg als freischaffende Künstlerin - wenn sie nicht gerade auf Reisen ist.
abgedruckt in Schlangenbrut,
Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte
Frauen,
Heft Nr. 75, November/2001
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K. Pollok mit Najwa Sleem

Mukhtar Muhammad Dib Sleem
Kopf der Domari - Gemeinde
in Alt-Jerusalem und die Autorin
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