|
|
Konsttidningen,
Stockholm No. 5, December 2006
in German
|
for full view klick on facsimile!
( in swedish)
go to all articles about katarzyna pollok:
texts>>
facsimiles>> |
Read complete Text
in
english>>
in
german>> |
 |
KUNSTZEITUNG Nr.5 Dezember 2006 - Seite 12 -
ROMA ENGEL KatarZyna Pollok
Bilduntertitel: Bilder aus Katarzyna Polloks Serie „Vernichtung",
in der die ägyptische Gerechtigkeitsgöttin Maat und die
schützende Hand ein wiederkehrendes Motiv sind. In der Mitte
Roma-Engel.
magische kunst LARS KOLLBERG
Zeichen, Symbole, Visionen und Magie. Auf der Suche nach der Schatzkammer
der Kulturen hat die Roma-Künstlerin Katarzyna Poilok Platz
genommen in einem virtuellen Zug. Dieser fährt aus der Gegenwart
in das rätselhafte Dunkel der Vergangenheit, aus hektischen
Metropolen in entlegene Winkel der Weit. Ihre Arbeit als Bildkünsilerin
handelt auch davon, Furchtbares - Grausamkeit - zu verarbeiten und
sichtbar zu machen. Mit ihren Werken trägt K. dazu bei, an
die der Vernichtung zum Opfer gefallenen Roma zu erinnern und sie
zu ehren, und auf die Begriffe Menschen recht, Schutz und Gerechtigkeit
aufmerksam zu machen.
Der Engel in Potsdam
Mich berührt ihr Engel, ein Bild, das ich als programmatische
Erklärung verstehe. Sie stieß auf ihn in Potsdam, die
Statue eines Engeis, der sie zum Zeichnen herausforderte. Katarzynas
Engel befindet sich in einer harmonischen Ruheposition, sitzt auf
einem Romarad und hält einen magischen Speer umfasst. Es entsteht
der Eindruck, dass die Wächtergestalt bei Gefahr intensiv und
blitzschnell reagieren würde. Das Romarad kehrt in Katarzynas
Bildern immer wieder, Symbol für ständige Bewegung - im
Guter* wie im Bösen, sowohl als Lust als auch als Zwang. Ein
Symbol, dass zur Reflexion einlädt, insbesondere, wenn Katarzyna
das Rad als Mandala, einem Instrument meditativer Visualisierung,
gestaltet.
Ganz oben in der linken Ecke des Engeibildes ist ein elegantes Ornament
in Form einer Drachenwindung dargestellt. Die mittelalterliche Drachenfigur
ist wie eine farbenstarke Bibelillustration appliziert. Katarzyna
entdeckte ihren Drachen auf einem Romawagen in einem polnischen
Museum. Man könnte meinen vor einem Heiligen Georg mit einem
Drachen zu stehen, doch dieser schlummernde Drache ist gleich dem
Engel ein Beschützer, eine gute Kraft. Katarzyna erzählt:
- Der Roma-Engei ist in standiger Bereitschaft sich fortzubewegen.
Der Engel ist friedlich, wird niemals jemanden angreifen oder einen
Schritt vorwärts gehen, solange er nicht zum Selbstschutz gezwungen
wird. Der Engel ist äußerst wachsam, bereit, den Speer,
den er nun festhält, zu werfen, denn Messer sind auf sein Herz
gerichtet. Mein Engel beobachtet die Grenze, die sein Reich von
der Welt der Anderen trennt, einer merkwürdigen Welt, in der
sich der Schnee schwarz verfärbt und Drachen umherfliegen.
Wirkungsort Berlin
K.P. bezeichnet sich als moderne Roma. Geboren in Kiew, Ukraine,
1961, sie wuchs in Polen heran. Sie lebt und arbeitet in Berlin
seit Beginn der 8Oer Jahre. Sie hat als Rundfunkjournalistin und
Tänzerin gearbeitet, hat Theaterkleider entworfen und ein vegetarisches
Restaurant betrieben. Heute widmet sie all ihre Kraft der Kunst,
reist so viel sie kann, begegnet Menschen und neuen Eindrücken.
Sie ist eine Autodidaktin, die sich von der wunderbaren Welt der
Mythen und Fabeln, von Symbolen und der Ornamentkunst verschiedener
Kulturen und Zivilisationen inspirieren lässt. Ihr Lebensweg
hat sie zu vielen bereichernden Begegnungen geführt, und nicht
zuletzt auf eigene Füße gestellt. Seit der ersten eigenen
Ausstellung 1988 in Berlin, hat es viele Ausstellungen in Deutschland
gegeben. Sie hat auch in England und Ungarn ausgestellt, und während
der letzten Jahre gab es mehrere viel beachtete Aussteilungen in
Indien. Im Jahr 2007 ist eine Aussteilung in Stockholm geplant.
Arbeitsmethode
Ihre minutiös ausgeführten Gemälde leuchten in klaren
Farben. Sie sind voller Symbole, Zeichen und dekorativer Elemente.
K.P. will eine Kunstsprache mit Motiven und Symbolen verschiedener
Kulturen entwickeln - eine universelle Bildsprache. Die Bilder sind
voll Referenzen für das Gute, das Licht, das Leben und die
Liebe. In den an Details reichen Bildern sieht man Blumen und Vögel,
Tänzer, Sagengestalten und mythische Wesen. Es ist als „sticke"
sie geradezu ihre Bilder geduldig, als baue sie Partien mit „Perlen"
aus Farbe auf. Sie hat eine eigene dekorative Technik entwickelt,
die darin besteht, die Farben Punkt für Punkt nebeneinander
zu legen und diese Prozedur solange zu wiederholen, bis eine Pigmentschicht
entstanden ist und jeder Farbpunkt ein Relief erhalten hat. Das
Werk kann den Charakter eines Mosaiks haben. Sie arbeitet auch mit
Collagen.
- ich mag die Idee von einer Seele, einem Tüpfel, sagt sie
von ihrer meditativen Ikonengestaltung.
Gerechtigkeitsgöttin Maat
Hunderttausende Roma starben in den Todesfabriken der Nazis während
des Zweiten Weltkrieges. lhr_\/ater ist Überlebender eines
Konzentrationslagers. Es dauerte sehr lange, bevor er sich überwinden
konnte, ihr davon zu erzählen. Die Berichte des Vaters beeindruckten
sie stark und führten dazu, dass sie das Schreckliche mit Hilfe
der Kunst zu verarbeiten begann. Mit ihrer Kunst will sie dazu beitragen,
die Roma-Opfer der nazistischen Unmenschiichkeit wahrnehmbar zu
machen, sie zu ehren und an sie zu erinnern. Sie sagt, ihre Arbeit
handle von Gerechtigkeit, Schutz, Menschenrechten.
Sie benutzt ihre Ornamenttechnik, um über Ausgestoßensein
und Grausamkeit zu berichten. Die Farbwah! in „Vernichtungsserie"
ist förmlich und gedämpft. Ein Teil der Bilder geht ins
Braune, andere bestehen aus Schwarz, Weiß und Rot, einer Farbkombination,
die Katarzyna zu verabscheuen glaubt (das Hakenkreuz wurde mit diesen
Farben gestartet). Die Bilder enthalten eingefügte Zeitungsausschnitte,
Portraits von Opfern und andere Hinweise auf die Vernichtung. Je
näher man dem Werk kommt, desto deutlicher wird dies. Die ornamentalen
Bänder verwandein sich in Stacheldraht, es treten verblichene
Fotos gepeinigter Kinder hervor. Man entdeckt schreckliche Details;
Geräte für chirurgische Experimente, Prozessionen von
Menschen mit geschundenen Körpern, Menschen mit numerierten
Dreiecken und tätowierten Nummern. Die scheinbar hübschen
Bilder berichten eine schreckliche Geschichte. In dieser Serie ist
Maat eine Hauptfigur. Maat, Tochter des Sonnengottes, ist eine der
ältesten Göttinnen;des antiken Ägypten. Sie ist die
Göttin der Wahrheit und der Gerechtigkeit, Richterin über
die Seelen der Toten. Die Straußenfeder in ihrem Haar dient
dazu, die Herzen der Verstorbenen zu wiegen. Wiegt das Herz durch
Schuld zu schwer, wird die Seele des Toten dem Dämon Ammut
zugeworfen, der sie verschluckt. Soli Katarzynas Göttin für
eine himmlische Gerechtigkeit bürgen?
Fatimas Hand
Die Hand ist ein Zeichen für Schutz, Leben, Licht und Wachstum,
Ermunterung und Fürsorge. Doch auch Bedrohung und Zerstörung.
Die Hand ist eines der am meisten verbreiteten menschlichen Symbole.
Sie kommt bereits in der Felsen- und Grottenkunst des Steinzeitalters
vor. Im Islam symbolisiert die offene Hand Segen, Verehrung und
Gastfreundschaft. „Fatimas Hand", nach der Tochter des
Propheten Mohammed genannt, symbolisiert Gottes Hand und die fünf
Grundpfeiler des Islam. Diese Hand ist ein immer wiederkehrendes
Motiv in Katarzynas Bilderwelt, und ist, zusammen mit der Göttin
Maat, ein vereinendes Element in der „Vernichtungsserie".
Katarzynas Hand soll vor bösen Vibrationen schützen. Auf
ihrer Homepage wird man von einem Frauenantiitz mit Strahlenkranz
begrüßt.
- Sie heißt „Biue Fatima", erklärt Katarzyna
Poiiok mit einem rätselhaften Lächein.
Lassen sich Züge eines Seibstportraits in „Biue Fatima"
erahnen? Die Abgebildete vermittelt den Eindruck von Stärke
und sehr wohl kann sie - dieses offensichtlich zum Himmel gehörende
Wesen, das mit den weit geöffneten Augen des Universums schaut
- gefährlich werden für Friedenstörer. Eine Madonna
mit Dornen.
|